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Perrine Woodtli

@thurgauerzeitung.ch

Im Kafi Marktstübli am Bahnhof Muolen herrscht am Freitagmorgen reger Betrieb. Arbeiter legen eine Kaffeepause ein, ein älterer Herr liest die Zeitung. Seit sechs Jahren führen die Schwestern Rita Krapf, Ruth Cozzio und Heidi Klauser das Marktstübli. Jeden Freitag findet dort ein Stricknachmittag statt. So erstaunt es nicht, das sich im Nebenraum Socken, Mützen und Wollknäuel türmen. Und seit neustem auch gehäkelte Tintenfische. Um deren Tentakel werden sich schon bald winzige Finger klammern. Seit Anfang Jahr werden im Ostschweizer Kinderspital kleine Oktopusse in die Brutkästen von Frühgeborenen gelegt. Diese sollen die Frühchen beruhigen.

Die Idee stammt von einer Mutter aus Dänemark. Diese häkelte 2013 für ihr Baby einen Oktopus. Das Kind im Brutkasten schien dadurch ruhiger zu werden und zog nicht mehr an den Schläuchen. Auch Atmung und Herzschlag wurden regelmässiger. Vermutet wird, dass die Tentakel der Nabelschnur ähneln, die dem Kind aus dem Mutterleib vertraut ist. Der weltweite Trend der Tintenfische ist auch in der Ostschweiz angekommen. Das Spital darf dabei auf die Unterstützung von Rita Krapf, Ruth Cozzio und Heidi Klauser zählen.

Keine Massenabfertigung, sondern kreative Handarbeit

Dass es das Team Oktopus 4 – so nennen sich die drei – gibt, verdanken sie Krapfs Tochter. «Sie hatte mir einen Artikel über die Tintenfische für Frühchen gezeigt und gleich gemeint: Das wäre doch etwas für euch», sagt Krapf. Die Frauen kontaktierten daraufhin die zuständige Station, die Neonatologie. Dort waren sie gleich offen dafür. Also häkelten die Schwestern einen Prototyp. Im Herbst lieferte das Team die ersten 20 Häkeltiere. Derzeit arbeiten sie an der nächsten Ladung. Die Arbeit teilen sich die Schwestern auf. Krapf häkelt die Tentakel, Klauser ist für den Kopf zuständig und Cozzio übernimmt die Accessoires, die «Geggeli- arbeit», wie sie sagt. «Wir alle machen das, was uns am besten liegt», sagt Cozzio. Für einen Tintenfisch benötigen sie vier bis fünf Stunden. Die bunten Häkeltiere schauen den Betrachter mit freundlichen Kulleraugen an. Jedes Stück ist anders. «Wir wollen keine Massenabfertigung», sind sich alle einig. Die achtarmigen Tierchen tragen kreative Hüte, Blumen, Mützen oder sogar Kopfhörer. Die Inspiration dafür holen sich die Frauen von Youtube. «Dort gibt es grandiose Videos», sagt Cozzio.

Beim Häkeln müssen die drei einige Vorschriften beachten. Unter anderem muss der Tintenfisch bei 60 Grad waschbar sein. Die Watte, mit welcher der Kopf ausgefüllt wird, muss in einen Strumpf gestopft werden. «Damit die Füllwatte nicht durch die Maschen hindurch kommen kann», sagt Cozzio. Sonst könnten sich die Babys verschlucken. Sobald die Tintenfische im Spital sind, werden sie gewaschen. Anschliessend werden sie mit einer Grusskarte vom Team Oktopus 4 den Eltern abgegeben. Diese müssen den Tintenfisch ein Mal pro Woche zu Hause waschen.

Nach Tentakeln statt Infusionsschläuchen greifen

Auf der Neonatologie des Kinderspitals seien bislang nur positive Erfahrungen gemacht worden, sagt Janine Grunder, Gruppenleiterin der Intensivstation. Auch die Eltern fänden es eine schöne Idee. «Ein Stück weit ist auch ein emotionaler Aspekt dabei, wenn sich die Eltern vorstellen, dass ihre Kinder nach Tentakeln statt Infusionsschläuchen greifen», sagt Janine Grunder. «Die Oktopusse werden zu treuen Begleiter während der Spitalzeit.»

Auch Krapf, Cozzio und Klauser haben Freude an den Tierchen. «Es ist toll, wenn es den Kleinen guttut», sagt Krapf. Im Januar wollen sie wieder 20 Stück liefern. Gehäkelt wird jeweils am Feierabend oder zwischendurch im Kafi – unentgeltlich. Cozzio: «Wir machen das gerne. Für einige wird der Tintenfisch vielleicht ein Begleiter fürs Leben.»